16.01.2026, Text: Caroline Märki
Viele Pädagoginnen, Pädagogen und Eltern spüren es: So wie bisher wollen oder können sie nicht mehr handeln. Gleichzeitig fühlt sich das Neue noch unsicher, unfertig und manchmal sogar bedrohlich an. Genau hier zeigt sich ein zentrales Dilemma moderner Beziehungsarbeit – im professionellen wie im familiären Kontext.
Eine neue Haltung, wie sie von familylab vertreten wird, rückt nicht Methoden oder Problemlösungen in den Vordergrund, sondern die Qualität der Beziehung. Sie geht davon aus, dass Entwicklung nur dort möglich ist, wo Menschen sich gesehen, respektiert und ernst genommen fühlen. Ein gesundes Selbstwertgefühl aller Beteiligten bildet dabei das Fundament gelingender Beziehungen.
Konflikte – etwa zwischen Fachpersonen/Eltern und Kindern – entstehen daher selten wegen des Kindes oder eines konkreten Verhaltens. Viel häufiger wurzeln sie in der Art des täglichen Zusammenspiels. Dieses Zusammenspiel bewusst in den Blick zu nehmen und zu verändern, liegt in der Verantwortung der Erwachsenen
Doch genau dieser Perspektivwechsel ist herausfordernd. Denn Haltung ist nichts, was man einfach „einführt“. Sie betrifft innere Überzeugungen, gewohnte Denkweisen und tief verankerte Bilder davon, was richtig oder falsch ist. Wenn diese Überzeugungen ins Wanken geraten, entsteht oft zunächst Verunsicherung. Manche reagieren mit Rückzug, andere mit Widerstand oder sogar Wut. Das ist kein Zeichen von Scheitern, sondern ein normaler Teil von Veränderung.
Das Schwierige daran: Die alte Haltung gibt Sicherheit. Sie ist vertraut, eingeübt und bietet klare Antworten. Die neue Haltung hingegen ist anfangs noch unfertig. Sie verlangt Entscheidungen, innere Klarheit und die Bereitschaft, Fragen offen zu lassen. Für viele fühlt sich das überfordernd an – besonders in einem Berufsalltag, der ohnehin hohe Anforderungen stellt.
Hinzu kommt, dass die neue Erziehungskultur Mut verlangt. Sie erlaubt – ja erfordert sogar – Fehler, Nicht-Wissen und Hilflosigkeit. Zustände, die in unserer leistungsorientierten Gesellschaft kaum noch Platz haben. Viele Menschen haben gelernt, stark zu sein, Lösungen zu liefern und Kontrolle zu behalten. Sich stattdessen einzugestehen: Ich weiss gerade nicht weiter, widerspricht diesem Ideal fundamental.
Und doch liegt genau darin eine große Chance. Denn echte Beziehung entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Authentizität. Wenn Fachpersonen sich trauen, präsent zu sein statt souverän zu wirken, öffnen sich neue Räume für Entwicklung – bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermassen.
Erwachsene bringen ihre eigenen Gefühle mit in die Beziehung. Frustration, Zorn oder Trauer dürfen spürbar sein – Kinder sind feinfühlig und nehmen sie ohnehin wahr. Doch sie dürfen nicht die Verantwortung dafür tragen. Sich selbst zuzuhören, wie man mit dem Kind spricht, und sich zu fragen, wie es wäre, selbst so angesprochen zu werden, ist ein zentraler Schritt auf diesem Weg
Auch das Umfeld spielt eine Rolle. Stress, ungelöste Konflikte oder Disharmonie zwischen Erwachsenen wirken sich auf Kinder aus – oft indirekt, aber deutlich.
Das Dilemma bleibt bestehen: zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und der Notwendigkeit von Veränderung. Doch wer diesen inneren Spannungsraum aushält, kann Schritt für Schritt eine Haltung entwickeln, die nicht nur professioneller, sondern auch menschlicher ist. Eine Haltung, die Beziehung über Kontrolle stellt – und Wachstum über Gewissheit.

