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Grenzen

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Es ist gesagt worden, dass Kinder Grenzen suchen oder Grenzen testen, als ob sie es bewusst täten, um zu sehen, wie weit sie gehen können, und als ob sie ihre Eltern manipulieren wollten. Nach meiner Erfahrung ist das nicht der Fall. Die Kinder, an die man dabei denkt, sind des Kontakts mit ihren Eltern nicht sicher, und ihre Eltern sind ihrerseits unsicher im Kontakt mit den Kindern. Sie drücken sich fast nie persönlich aus, und deshalb können die Kinder nicht erkennen, wo sie stehen. Vielleicht suchen die Kinder tatsächlich Grenzen, aber sie tun es deshalb, weil sie sie nicht kennen. Wenn ein Kind die Grenzen der Eltern nicht kennt, wird es unsicher, völlig passiv oder hyperaktiv und auf jeden Fall einsam.

Grenzen früher und heute

Früher mussten sich die Eltern nie Gedanken über ihr Verhalten machen, vielmehr wurde das Verhalten des Kindes infrage gestellt. Obschon es sicherlich schon früher nicht einfach war, Grenzen zu setzten, ist es heute umso schwieriger. 

Früher existierte immerhin ein gewisser gesellschaftlicher Konsens, wo und wie Grenzen gezogen werden und das Anwenden von Gewalt, sollte sich ein Kind nicht daran halten, war legitim. Die Kinder gehorchten; nicht etwa aus Respekt den Erwachsenen gegenüber, sondern aus Angst vor der Macht, vor dem Vater, vor dem Lehrer und der Strafe.

„Heute müssen Eltern mehr nach innen schauen (reflektieren), statt ständig auf die Kinder.“ Caroline Märki

Die Erwachsenen definierten früher die Grenzen und die Kinder hatten sich danach zu richten. Man zog die Grenze quasi um das Kind herum und beim Überschreiten der Grenze wurde eingegriffen. Dabei wurden aber zwangsläufig die Grenzen der Kinder (ihre Integrität) verletzt.

„Ich glaube wir sollten lernen, Grenzen als etwas anderes zu verstehen. Sie sind mehr als familiäre Verkehrsregeln.“ Caroline Märki

Auf diese Weise Grenzen zu setzen, funktioniert aus vielen Gründen nicht mehr. 

Heute sollten Erwachsene anfangen, Grenzen für sich selbst zu setzen. Sie soll nicht um das Kind, sondern um sich selbst gezogen werden: Wo sind meine persönlichen Grenzen? Was will ich? Was wird mir zuviel? Dies bedingt, dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen und uns und unsere Möglichkeiten kennenlernen.

Kinder, die angeblich ihre Grenzen austesten, suchen gewissermassen nach der wahren Persönlichkeit ihrer Eltern.

Generelle und persönliche Grenzen

Jesper Juul teilt Grenzen in zwei Arten auf: Die generellen Grenzen und die persönlichen Grenzen. 

Vom Werden einer Familie bis zum Erwachsenenalter der Kinder(während ca. 18 bis 20 Jahren) werden die eigenen wie auch die Grenzen der Kinder entdeckt.

In den ersten sechs bis sieben Jahren bemerken wir fast täglich neue Grenzen an uns und an unseren Kindern. Z.B: „Es ist mir zu laut, ich brauche dringend eine Pause.“ Oder ich schreie das Kind an und überschreite so seine Grenzen. 

Ab dem siebten Lebensjahr testet ein Kind nicht mehr so oft Grenzen. Es tritt eine Pause ein. Wenn die Kinder zwölf, dreizehn Jahre alt werden, geht es wieder von Neuem los.

Generelle Grenzen

Die Grenze wird um das Kind, um den Mensch gemacht.

Auch ich bin der Meinung, dass es Regeln und Grenzen in einer Gesellschaft und in der Familie braucht. Sie sind wichtig, um das Wohlergehen aller Familienmitglieder zu gewährleisten und um Struktur zu schaffen.

Generelle Grenzen sind richtig und wichtig, aber sie sollten idealerweise immer wieder überdenkt, ersetzt oder ganz aufgelöst werden können.

Grenzen, die einem „übergestülpt“ werden sind nicht sehr angenehm, deshalb sollte darauf geachtet werden, dass nicht zu viele dieser generellen Grenzen vorhanden sind (circa 5 davon in der Familie). 

Beispiele für generelle Grenzen

„Ich will, dass du um 20.00 h im Bett bist.“
„Bei uns werden die Schuhe vor der Türe ausgezogen.“
„Es wird im Haus nicht mit dem Fussball gespielt.“

In der Auseinandersetzung mit den Regeln und generellen Grenzen in der Familie, dürfen sich die Eltern Fragen stellen, wie:

Nach welchen Werten möchte ich leben?
Was ist mir wichtig dabei?
Welche Grenzen sind mir wirklich wichtig und welche übernehme ich vielleicht einfach?

Wir müssen als Eltern Verantwortung über unser Handeln übernehmen und uns im Klaren sein, was wir in unserer Familie einhalten wollen. Denn selbstverständlich werden durch das Setzten der Regeln Konflikte entstehen.

„Mit den Konflikten, die selbstverständlich daraus entstehen, müssen Eltern rechnen und damit fertig werden. Dieses Aushalten von Wutanfällen, Geschrei und „Trotz“ des Kindes kann sehr energieraubend sein.“ Caroline Märki

Heute sind die Eltern viel mehr gezwungen zu reflektieren und sich Gedanken über ihre eigene Persönlichkeit und ihre Familie zu machen. Früher wurde vieles von aussen geregelt und vorgegeben doch heute kann jede Familie individuell entscheiden, was und wie sie leben möchte.

Kinder testen nicht Grenzen aus. Sie wollen testen, ob es uns Ernst ist mit dieser Grenze, dieser Regel. Glauben wir selber daran? Oder sagen wir es einfach nur so, weil es von unseren Eltern auch so gesagt wurde? Sind wir authentisch?

Kinder suchen keine Grenzen, sie wollen Kontakt.

Persönliche Grenzen

Persönliche Grenzen fokussieren sich auf mich selbst:

  • Wo liegen meine Grenzen?
  • Was kann ich und was nicht?
  • Was ist mir zu laut?
  • Welcher Umgang ist mir wichtig?

Denn: Grenzen auszusprechen hat sehr viel mit uns zu tun. Je besser es uns gelingt unsere individuellen und persönlichen Grenzen im Umgang mit den Kindern (und Erwachsenen) auszusprechen, desto kooperativer werden die Kinder sein, desto weniger Einsamkeit, Konflikte, Stress und Frustration werden die Eltern und Erziehenden erleben.

„Wenn wir eine gute Beziehung zu unserem Kind und zu unseren Mitmenschen haben wollen, müssen wir sagen, was uns zu viel ist und was wir denken.“ Caroline Märki

Für mich sind die persönlichen Grenzen sehr wichtig, denn sie gehen häufig vergessen. Wenn die Kinder noch sehr klein sind, müssen Eltern (vor allem Mütter) ihre Grenzen und eigenen Bedürfnisse oft zurückstellen.

Ab drei Jahren (manchmal und auch schon früher), kann ein Kind die Grenzen der Eltern respektieren und kennenlernen. Wir können unsere eigenen Grenzen nur dadurch erkennen, wenn sie andere übertreten. Und ebenso können wir Grenzen der anderen nur kennenlernen, indem wir, ohne es zu wollen, mit ihnen zusammenstossen oder sie sogar verletzen.

Grenzen auszusprechen gelingt uns am besten, wenn wir Eigenverantwortung übernehmen. D.h. für mein eigenes Verhalten Verantwortung übernehmen, für meine Gefühle, für meine Reaktionen, für meine Werte.
Ich muss mich fragen: „Was will ich? Wie will ich es haben?“ Und wenn diese Fragen beantwortet sind, lautet die nächste Frage: „Wie kann ich es erreichen, ohne mein Kind zu verletzen?“

Wenn das Resultat immer noch unbefriedigend ist, ist die nächste Frage: „Kann ich das, was ich erreichen will, von meinem Kind in diesem Alter erwarten?“ Erst dann kann ich meine Gedanken/Gefühle dem Kind sagen. Dazu wähle ich die persönliche Sprache.

Kommunikation der Grenzen

Persönliche Sprache

  • „Ich will nicht, dass…“
  • „Ich will, dass…“
  • „Ich möchte nicht…“
  • „Ich möchte, dass…“

Das sind die vier wichtigsten, alltäglichen Sätze in der persönlichen Sprache. Unglücklicherweise sind das die vier Sätze, die die meisten unserer Eltern versucht haben, uns abzutrainieren

Sie haben es vorgezogen, dass wir uns in der sozialen Sprache ausdrücken.

Soziale Sprache

  • „Könntest du vielleicht bitte… 
  • “Ich hätte gerne, dass du…”
  • “wäre es möglich, dass…“)

Die persönliche Sprache ist der Kern der Botschaft und die soziale Sprache dreht sich um den heissen Brei. Kinder können die persönliche Sprache viel besser annehmen, weil sie durch sie in Beziehung mit den Eltern gelangen.

Die Wörter sind es, die kränken, nicht die Gefühle.

Ich darf durchaus wütend und hässig meinem Kind was sagen, aber immer in der persönlichen Sprache und ohne kränkende Worte zu benutzen.

Unter Menschen, die sich viel bedeuten, also in Familien oder unter Paaren, ist es wichtig sich persönlich auszudrücken, denn nur in der persönlichen Sprache können Konflikte bearbeitet und gelöst werden. Wenn wir uns nicht persönlich ausdrücken, bleiben wir im Unklaren darüber, wer wir sind, und für andere wird es schwer sein zu wissen, woran sie mit uns sind.

Es braucht viel Zeit, die eigenen Grenzen gut zu kennen und die Grenzen der Kinder zu verstehen. Denn diese Grenzen verändern sich immer wieder, weil wir uns immer wieder verändern. So müssen wir diese Grenzen von neuem verstehen lernen.

Die eigenen Grenzen zu kennen und benennen zu können, ist keine notwendige Voraussetzung von Elternschaft, sondern ein lebenslanger Lernprozess, der im Umgang mit dem Partner, den Kindern, deren Partnern, den Enkelkindern und unseren eigenen Eltern stattfindet.

Jesper Juul hat es so wunderbar beschrieben: Der Familienalltag, die Erziehung, ja das Leben ist ein Labor. Wir müssen vieles ausprobieren und immer wieder neu mischen und wieder neu ausprobieren. Es gibt kein richtiges oder perfektes Verhalten. Es geht darum, dem ganzen„Lebenschaos“ einen Sinn zu geben.

Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist die Umsetzung seiner Wertvorstellungen. Dazu braucht es Geduld, Wiederholung und vor allem der Wille, mich und das Kind ernst zu nehmen.

Grenzen und Integrität: Wie du Kindern Grenzen setzt, ohne ihre Integrität zu verletzen

Hanna Landolt im Gespräch mit Caroline Märki, Leiterin von familylab Schweiz sprechen wir über das grosse Thema Grenzen und Integrität. Zunächst sprechen wir darüber, welche unterschiedlichen Arten von Grenzen es gibt und weshalb es so wichtig ist für Kinder, Eltern zu haben, die ihre eigenen Grenzen kennen und diese wahren. Wir sprechen über persönliche und generelle Grenzen und wie in Gemeinschaften/ Familien generelle Grenzen etabliert werden können. Caroline benennt und beschreibt anhand von Beispielen aus dem Familienalltag, wie wir Grenzen setzen, ohne zu bestrafen und wie wir uns als Eltern authentisch mit unseren Grenzen zeigen können. Dann sprechen wir darüber, wie wir erkennen können, ob eine Grenze wirklich die eigene Grenze ist, oder ob es eine gesellschaftliche Norm ist, die wir unreflektiert weitergeben.


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Gründerin von familylab.ch, eidg. dipl. psychosoziale Beraterin, Ausbildungsleiterin der 4-jährigen Ausbildung «erlebnisorientierte Familienberatung», Elternbildnerin eidg. FA, Vorstandsmitglied von familylab Association.

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