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Belohnen und Bestrafen

familylabcampus Beitrag zu Belohnen und Bestrafen
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Belohnungen stehen Beziehung im Wege

Jesper Juul sagte einmal: «Belohnungen sind die postmoderne Variante von Strafen.»
Der amerikanische Autor Alfie Kohn meint, dass Belohnungen in Wirklichkeit nicht so wirken wie sie sollen, auch wenn es auf den ersten Anschein an so aussieht, als ob sie wirken.

In der Beratung von Eltern fällt mir immer wieder auf, dass Belohnungen oft als sanftere Variante der Bestrafung als etwas Gutes angesehen werden. Das stimmt für mich so nicht, denn Belohnungen und Strafen sind im Grunde zwei Seiten derselben Medaille.

„Belohnungen sind die postmoderne Variante von Strafen.“ Jesper Juul

Belohnungen werden eingesetzt, weil diejenigen, die belohnen, sich eine dauerhafte Verhaltensänderung erhoffen. Belohnungen können in Beziehungen nur von der Partei eingesetzt werden, die mehr Macht hat: Im Falle der Familie sind dies die Eltern, im Falle der Schule sind es die Lehrpersonen.

Ziel der Belohnung ist also eine Veränderung des Verhaltens des Gegenübers. Sei dies nun ein Kind in der Schule/Familie oder ein Mitarbeiter im Betrieb, der durch gutes Arbeiten einen Bonus bekommt.

„Die Eltern hoffen, dass sie durch die Belohnung das Kind dahin bringen, dass es irgendwann von selbst das gewünschte Verhalten zeigt.“ Caroline Märki

Dieser Grundgedanke, mit Belohnung das Verhalten zu verändern, beruht auf der Ende des 19. Jahrhunderts formulierten Theorie des Behaviorismus beziehungsweise genauer: der Idee des operanten Konditionierens.

Mit operanter Konditionierung belohnst du gewünschtes Verhalten bei Mensch und Tier, damit dieses Verhalten mehr gezeigt wird. Gleichzeitig bestrafst du unerwünschtes Verhalten, mit dem Ziel, dass dieses dann seltener auftritt.

Konditionierung hin oder her: Belohnung und Bestrafung steht echter Beziehung im Wege. Der Fokus des Kindes wird nach aussen gerichtet, im Sinne von «was bekomme ich, wenn…?», oder «was passiert, wenn ich…?». Dabei geht es viel mehr um das ernst nehmen dieser Belohnungen und Bestrafungen als das sich selbst oder das Gegenüber ernst nehmen.

„Statt sich für das Gegenüber und sein Verhalten zu interessieren und herauszufinden was los ist, oder sich selbst mit seinen Bedürfnissen und Gründen zu zeigen wird auf eine Methode ausgewichen, die kurzfristig vielleicht einen Erfolg hat, aber langfristig das gewünschte Ziel nicht erreichen. Die Eltern wiederum umgehen durch das Prinzip der Belohnung und Bestrafung das “in Beziehung treten” mit ihren Kindern.“

Aber was dann?

Die Alternative, nämlich, sich authentisch und offen als Mensch mit seinen Bedürfnissen zu zeigen, ist oft weitaus der “schwierigere” Weg, meint: Der Elternteil muss sich nämlich fragen, was und weshalb ihm wichtig ist oder was oder weshalb genau er nicht möchte und diese Bedürfnisse dann dem Kind in einer persönlichen Sprache kommunizieren. Diese Auseinandersetzung mit sich selbst kann mitunter sehr herausfordernd sein.

„Die Alternative, nämlich sich als Elternteil mit seinen Bedürfnissen auseinanderzusetzen und diese kindgerecht zu kommunizieren, kann mitunter sehr herausfordernd sein.“ Caroline Märki

In der Elternberatung merke ich immer wieder, dass Eltern gerne eine Methode hätten, an die sie sich halten können. Genauso ist die Methode des „Belohnen und Bestrafen“ ein bequemer Weg, auf den man schnell zurückzugreifen kann.  Wenn wir aber mit unseren Kindern in Beziehung sein wollen, müssen wir uns als Eltern selbst klar werden, was in uns gerade passiert und uns mit dem zeigen. Wir dürfen uns unseren Kindern gegenüber authentisch zeigen und machen uns dadurch verletzlich. Doch genau diese beiden Elemente Authentizität und Verletzlichkeit sind der Schlüssel zu einer gleichwürdigen Beziehung.

„Authentizität und Verletzlichkeit sind der Schlüssel zu einer gleichwürdigen Beziehung.“ Caroline Märki

In der Auseinandersetzung mit uns selbst und dann im zweiten Schritt, in der Findung einer persönlichen Sprache, machen wir unseren Kindern ein riesiges Geschenk: Sie können am Vorbild sehen, was es heisst, mit sich und anderen in Beziehung zu sein und wachsen natürlich damit auf. So haben sie später eine ganz andere Basis in der Beziehungsarbeit als unsere Generation, in der sich die meisten erst im Erwachsenenalter damit auseinandersetzen.

Wenn Belohnungsprogramme daran gemessen werden, ob es ihnen gelingt, solch langfristige Verhaltensänderungen herbeizuführen, ist der Befund allerdings erschreckend schlecht. In einer Studie von 1976 wird gezeigt, dass die Motivation von Kindern, die für Mathespiele belohnt wurden, nach dem Wegfall der Belohnungen seltener spielten als die Kontrollgruppe, die nicht belohnt worden war. Erwachsene, denen mithilfe von Belohnungen das Rauchen abgewöhnt werden sollte, wirkten anfangs zwar engagiert, ihre Erfolgsraten waren jedoch signifikant niedriger als die der Kontrollgruppe. Ähnlich erfolglos waren Programme, die Menschen mithilfe von Belohnungen zum Abnehmen oder zu besserer Paarkommunikation bewegen sollten. Belohnungen scheinen im ersten Moment also durchaus zu wirken, langfristig wirken sie jedoch schlechter als andere oder gar keine Motivationsprogramme.

Belohnung verdrängt die intrinsische Motivation

Zu guten Letzt verdrängt die Belohnung als äussere – extrinsische – Motivation die innere – intrinsische – Motivation. Die Kinder wachsen sozusagen, mit den Fühlern nach aussen gerichtet auf, anstatt mit sich selbst in Verbindung zu sein und von Innen heraus zu lernen und zu wachsen.

Es entsteht ein Teufelskreis: Ein Kind, das sich an Belohnungen und Bestrafungen gewöhnt ist, handelt mehr und mehr nur noch um der Belohnung willen. Es fragt sich ständig: Was wird von aussen von mir erwartet? Anstatt zu lernen, sich zu fragen: Was möchte ich?

Mit einher geht, dass immer bessere Belohnungen gefunden werden müssen, dass das Glace irgendwann nicht mehr reicht.

Besonders im Jugendalter sind dann Eltern, die mit Belohnen und Bestrafen gearbeitet haben, sehr oft hilflos, weil spätestens dann die Jugendlichen nicht mehr darauf reagieren oder sich damit nicht mehr manipulieren lassen.
Zusammengefasst sieht die Alternative für mich wie folgt aus:

  • Persönliche Sprache
  • Authentizität
  • Persönliche Verantwortung

Gründerin von familylab.ch, eidg. dipl. psychosoziale Beraterin, Ausbildungsleiterin der 4-jährigen Ausbildung «erlebnisorientierte Familienberatung», Elternbildnerin eidg. FA, Vorstandsmitglied von familylab Association.

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